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Do
10–17 Uhr

Sisters in Arms

  • Katharina Karcher
Leseprobe

Assoziation A
ISBN 978-3-86241-464-2

September 2019

Diese Publikation ist ein Beispiel für ­wissenschaftliche Forschung im FFBIZ-Archiv.

Die Autorin Katharina Karcher arbeitete sich durch zahlreiche Archivmaterialien in unserem Lesesaal, u.a. Dokumente des Aktionsrates zur Befreiung der Frau und der Gruppe Rote Zora. Mitarbeiter des Verlags Assoziation A recherchierten in der Datenbank des feministischen Archivs und wählten 10 Fotos und Plakate für die Bebilderung des Buches aus.

Wir besuchten die volle Lesung während der Linken Buchtage 2018 im Mehringhof und erwarben ein Exemplar für die FFBIZ-Bibliothek. Im selben Jahr schrieb Katharina einen Text für unsere Jubiläumsbroschüre zum Thema feministische Militanz.

Wir freuen uns sehr über die Publikation und danken Rainer Wendling von Assoziation A für die Leseprobe.

weiße Schrift, farbige Banner und Transparente, im Vordergrund retuschiertes Foto von Demonstrantinnen
Buch Sisters in Arms: Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968, 2018 E Rep. FO Kar 591

Weshalb Militanz eine wichtige Rolle spielt

Einer der Gründe, warum Militanz selten als analytische Kategorie in die Forschung über den Feminismus in der BRD einfließt, ist darin zu suchen, dass der Begriff eng mit Taktiken der radikalen Linken, insbesondere der Autonomen, verknüpft wird. Da die Militanz-Debatten der Autonomen kritische Einsichten in politische Militanz und feministische Politik in der BRD ermöglichen, bieten sie einen guten Ausgangspunkt für eine begriffliche Erfassung feministischer Militanz.

In den 1980ern wurden die Autonomen zu einer treibenden Kraft in Konflikten zwischen den Polizeikräften und den Hausbesetzer*innen in Westberlin und anderen westdeutschen Städten. Ebenso beteiligten sie sich an einer Reihe anderer Bewegungen wie der Anti-AKW-Bewegung, der Friedens- respektive Anti-Kriegsbewegung, der Umweltbewegung und der Neuen Frauenbewegung. Wie viele linke und feministische Gruppen in der BRD strebten und streben die Autonomen danach »herrschaftsfreie« Formen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Interaktion zu schaffen und zu institutionalisieren«.D. K. Leach (2009), »An Elusive »WE«: Antidogmatism, Democratic Practice, and the Contradictory Identity of the German Autonomen«, American Behavioral Scientist 52, 1042–68, 1044. Was autonome Gruppen von den meisten Gruppen in der Neuen Frauenbewegung unterscheidet, ist, dass Militanz einen integralen Bestandteil ihres Selbstbildes und ihrer öffentlichen Wahrnehmung ausmacht. Frei inspiriert von neo-marxistischen und neo-anarchistischen Überzeugungen, brachte die Bewegung unterschiedliche Gruppen des radikalen linken Spektrums zusammen, die das ablehnten, was nach dem Soziologen Max Weber als »Gewaltmonopol des Staates«, beschrieben wird.

Militanz steht im Zentrum des Selbstverständnisses und des öffentlichen Bildes der Autonomen und spielt eine herausragende Rolle in den internen Dokumenten der Bewegung. Während es in Teilen der Bewegung eine Tendenz gab, Militanz zu romantisieren und zu glorifizieren, zeigen kontroverse Debatten in internen Bewegungspublikationen, dass es keinen Konsens über Ausmaß und Grenzen militanten Protests gab.Für eine detaillierte Analyse der Debatten über Militanz in internen Publikationen der Bewegung vgl. S. Haunss (2004), Identität in Bewegung: Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 169–89. Obwohl die »Legitimität der militanten Auseinandersetzung – als Gegengewalt, die auch Schutz vor Polizeigewalt bot – nicht in Frage gestellt wurde«, gab es unterschiedliche Meinungen in Bezug auf die Frage, wo sie notwendig und angemessen sei.F. Anders und A. Sedlmaier (2013), »The Limits of the Legitimate: The Quarrel over »Violence« between Autonomist Groups and the German Authorities«, in W. Steinmetz, H. G. Haupt und I. Gilcher-Holtey (Hrsg.), Writing Political History Today, Frankfurt: Campus, 291–316, 296–97. Folgt man der Historikerin Freia Anders, ist es gerade die Unschärfe des Begriffs »Militanz«, auf der seine Anziehungskraft bei den Autonomen beruhte. Aktivist*innen in der Bewegung weigerten sich, zwischen legalem und illegalem wie auch friedlichem und gewaltsamem Protest zu unterscheiden, weil diese Kategorien durch den Staat definiert worden seien und den Interessen des Staates dienten.F. Anders (2006), »Die Zeitschrift radikal und das Strafrecht«, in F. Anders und I. Gilcher-Holtey (Hrsg.), Herausforderungen des staatlichen Gewaltmonopols. Recht und politisch motivierte Gewalt am Ende des 20. Jahrhunderts, Frankfurt: Campus, 221–59, 231. Es wäre falsch, die Bedeutung von Militanz in der Autonomen Bewegung auf konfrontative Formen des Protests einzuengen, obwohl diese eine wichtige Rolle in Theorie und Praxis der Bewegung spielten. In diesem Kontext bedeutet Militanz auch »eine Weigerung, sich vereinnahmen oder seine eigenen Entscheidungen und sein eigenes Verhalten von den Gesetzen und Normen der herrschenden Gesellschaft diktieren zu lassen«.Leach, »An Elusive »We«, 1050.

In den 1980ern wurde die Militanz der Autonomen aus dem Blickwinkel der Gender-Frage unter die Lupe genommen. Eine wachsende Zahl autonomer Frauengruppen und pro-feministischer Männergruppen prangerte sexuelle Gewalt innerhalb der Bewegung an und kritisierte Herrschaftsgebaren in Gruppendiskussionen und Macker-Militanz.Haunss, Identität in Bewegung, 160–69. Trotz aller Kritik innerhalb und außerhalb der Bewegung bestanden die Autonomen weiterhin auf Militanz. Patricia Melzer hat eine der ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem militanten Feminismus in der Bewegung der Autonomen im englischsprachigen Raum vorgelegt. Ihre Analyse von Publikationen der Hamburger Gruppe »Frauen gegen Imperialistischen Krieg« zeigt, dass den Feministinnen aus der Autonomen-Bewegung eine wichtige Rolle in der deutschen Linken zukam: Sie stellten theoretische und politische Verbindungen zwischen der militanten Linken und der Neuen Frauenbewegung her.P. Melzer (2012), »Frauen gegen Imperialismus und Patriarchat zerschlagen den Herrschaftsapparat«: autonome Frauen, linksradikaler feministischer Protest und Gewalt in Westdeutschland« in H. Balz und J. H. Friedrichs (Hrsg.) »All we ever wanted …« eine Kulturgeschichte europäischer Protestbewegungen der 1980er Jahre, Berlin: Dietz, 157–77, 175.

In diesem Zusammenhang verdienen Theorie und Praxis der militanten feministischen Gruppe Rote Zora besondere Aufmerksamkeit. Obwohl die Rote Zora, deren Ideologie und Aktivitäten im folgenden Kapitel eingehender erörtert werden, sich in einem anderen politischen Kontext bildete, entwickelte die Gruppe eine Vorstellung von feministischer Militanz, die großen Widerhall bei den Frauen in der Bewegung der Autonomen fand. Die Broschüre »Mili’s Tanz auf dem Eis« vom Dezember 1993 liefert die detaillierteste Auseinandersetzung mit Militanz in der Geschichte der Roten Zora. Wie der Titel nahelegt, betrachtete die Rote Zora Militanz als politischen Drahtseilakt. Während die Autorinnen in der radikalen Linken eine Tendenz sahen, »Macker-Militanz« zu glorifizieren, vertraten sie den Standpunkt, dass Taktiken, die der Staat als illegal und gewalttätig bezeichnet, durchaus eine entscheidende Rolle im politischen Protest spielen konnten. Die Rote Zora betonte: »Wir sahen keine Hierarchie in verschiedenen Aktionsformen. Flugblatt verteilen, Besetzungen, Sprühaktionen, Schlösser verkleben, Steine schmeißen, Spreng- und Brandsätze legen – alles war wichtig, wenn es zusammengriff.«Mili’s Tanz auf dem Eis: »Von Pirouetten, Schleifen, Einbrüchen, doppelten Saltos und dem Versuch, Boden unter die Füße zu kriegen«, http://www.freilassung.de/div/texte/rz/milis/milis1.htm. Letzter Zugriff, 10.08.2018. Während sie die Notwendigkeit einer Vielfalt von Taktiken betonte, legte die Rote Zora besonderen Nachdruck auf militante und gewaltsame Aktionen.

In ihrem ersten Positionspapier betonte die Rote Zora, wie befreiend es für Frauen sein kann, sich mit Gewalt gegen männliche Gewalttäter und Autoritäten zu wehren. Die Gruppe stellte fest: »Wir selbst empfanden das Verlassen der uns zudiktierten weiblichen Friedfertigkeit bzw. die bewußte Entscheidung für gewalttätige Mittel in unserer Politik als ungeheuer befreiend. Wir erlebten, daß wir mit unseren Aktionen Angst, Ohnmacht und Resignation durchbrechen konnten, und wollten dies anderen FrauenLesben weiter vermitteln.«Ebd. Mit dem Begriff »FrauenLesben« benutzte die Rote Zora einen Ausdruck, der in den Frauengruppen in Westdeutschland allgemein verbreitet war. Er wurde benutzt, um auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass die Stellung von Frauen und Lesben verwandt, aber nicht immer identisch ist. Indem sie versuchten, einen explizit feministischen Begriff von »Gegen-Gewalt«Siehe Kapitel 2. zu entwickeln, stellten die Rote Zora und andere militante feministische Gruppen in Westdeutschland die Vorstellung in Frage, Feminismus sei an sich und notwendigerweise friedfertig. Ihre Versuche, andere Frauen von militanten Taktiken zu überzeugen, waren jedoch nur begrenzt erfolgreich: Mit Ausnahme von feministischen Gruppen innerhalb der Autonomen und in radikalen Teilen der Neuen Frauenbewegung lehnten die meisten Feminist*innen in Westdeutschland militante Taktiken ab.Für eine detailliertere Analyse feministischer Reaktionen auf die Rote Zora vgl. K. Karcher (2015), »How (not) to ›Hollaback‹: Towards a transnational debate on the ›Red Zora‹ and militant tactics in the feminist struggle against gender-based violence«, Feminist Media Studies, DOI: 10.1080/14680777.2015.1093099. Da diese Position von vielen feministischen Historiker*innen in der BRD geteilt wird, haben sie bisher wenig Interesse an militanten und gewalttätigen Protestformen im Kontext feministischer Kampagnen gezeigt.

Ein Blick nach Groβbritannien zeigt, dass man den politischen Ansichten oder Taktiken militanter feministischer Gruppen nicht beipflichten muss, um ihre Aktivitäten als Teil der langen und vielseitigen Geschichte feministischer Bewegungen betrachten zu können. Einer der am besten erforschten Zeiträume bezüglich weiblicher Militanz in der Geschichte der europäischen Frauenbewegung ist der militante Protest für das Frauenwahlrecht in Großbritannien zu Beginn des 20. Jahrhundert und der Women’s Social and Political Union (WSPU) (Soziale und politische Union der Frauen).Zu den wichtigen Studien über Militanz in der britischen Suffragettenbewegung gehören M. Joannou und J. Purvis (1998), The Women’s Suffrage Movement: New Feminist Perspectives, Manchester: Manchester University Press; Mayhall (2000), (2003); E. P. Ziarek (2008), »Right to Vote or Right to Revolt? Arendt and the British Suffrage Militancy«, differences 3 (19), 1 – 27; J. Purvis (2013), »Gendering the Historiography of the Suffragette Movement in Edwardian Britain: Some Reflections«, Women’s History Review 4(22), 576–90; L. N. Mayhall (2003), The Militant Suffrage Movement: Citizenship and Resistance in Britain, 1860—1930, Oxford: Oxford University Press. Laura Mayhall bemerkt: »Die WSPU brachte Militanz in die Bewegung für das Frauenwahlrecht, indem sie zunächst Zusammenkünfte der Liberalen Partei unterbrach und politische Redner durch Zwischenrufe attackierte, dann den Protest auf die Straße verlagerte – wie zum Beispiel in Form von Demonstrationen großen Stils – und schließlich durch die Zerstörung von Eigentum der Regierung und privatem Besitz, wozu das Einwerfen von Fensterscheiben, das Aufschlitzen von Gemälden in öffentlichen Galerien und das In-Brand-Setzen von Gebäuden und Briefkästen gehörten.«L. N. Mayhall (2000), »Defining Militancy: Radical Protest, the Constitutional Idiom, and Women’s Suffrage in Britain, 1908 – 1909«, Journal of British Studies 39, 340–71, 341. Während zu einigen dieser Aktivitäten spektakulär waren und erheblichen Sachschaden verursachten, betont Mayhall zurecht, dass es falsch wäre, die Militanz der Suffragetten auf solch höchst augenfällige Aktionen zu reduzieren. Ihrer Ansicht nach fanden die militanten Aktionen der Suffragetten entlang eines Kontinuums statt, das im Kontext von »Radikalismus und politischem Aktivismus von Frauen in der Zeit des Spät-Viktorianismus und der Ära Edwards« verstanden werden muss.Mayhall, The Militant Suffrage Movement, 8.

Der Kontext der feministischen Bewegung in Deutschland war ein völlig anderer. Seit den 1840ern hatten deutsche Frauen – zumeist, jedoch nicht ausschließlich mit gewaltlosen Mitteln – gegen patriarchalische Strukturen und Gesetze gekämpft. Feministische Historiker*innen haben die deutsche Frauenbewegung bis in die Zeit des Vormärz, die zur Märzrevolution von 1848 führte, zurückverfolgt. Während der Revolution organisierten sich Tausende von Frauen in demokratischen Gruppen, um die Kämpfer*innen und ihre Familien zu unterstützen.U. Frevert (1986), Frauen-Geschichte: Zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit, Frankfurt: Suhrkamp, 74. »Einige wenige Frauen gaben sich mit Zuhören, Unterstützen und Petitionieren nicht zufrieden, sondern halfen beim Barrikadenbau und kämpften als Teil der demokratischen Freischaren gegen das Militär.«Ebd. Zwischen den 1840ern und den 1940ern hatten die unterschiedlichen Lebensumstände von proletarischen und bürgerlichen Frauen, grundlegende politische Veränderungen, und nicht zuletzt die zwei Weltkriege einen entscheidenden Einfluss auf die feministische Bewegung in Deutschland. Anti-militaristische Frauen in der Weimarer Republik und im Deutschland nach dem 2. Weltkrieg erkannten und kritisierten eine toxische Verbindung von Männlichkeit und Gewalt und forderten einen neuen Geist der Friedfertigkeit.J. A. Davy (2005), »«Manly« and »Feminine« Antimilitarism«, in J. A. Davy, K. Hagemann und U. Kätzel (Hrsg.), Frieden, Gewalt, Geschlecht: Friedens- und Konfliktforschung als Geschlechterforschung, Essen: Klartext, 144–63, 160.

Die Entwicklung der deutschen Frauenbewegung war, wie Ute Gerhard darstellt, kein »fortlaufender Prozess«, sondern »eine Geschichte wiederholter Rückschläge, Stillstände und vieler mühsamer Neuanfänge unter immer wieder veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen«.U. Gerhard (2008), »Frauenbewegung« in R. Roth und D. Rucht (Hrsg.), Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945, Frankfurt: Campus, 188–217, 191. Der Begriff »Neue Frauenbewegung« weist darauf hin, dass die feministischen Gruppen und Netzwerke, die in den späten 1960ern im Kontext der anti-autoritären Studentenbewegung entstanden, einen solchen Neuanfang darstellten.

Durch die Anschläge auf Ohnesorg und Dutschke, wiederholte Zusammenstöße mit der Polizei und polemische Attacken gegen die Neue Linke in den Medien radikalisiert, griffen einige frühere studentische Aktivist*innen zu den Waffen. Wie die Erörterung in Kapitel 2 zeigt, hat die gewalttätige Konfrontation zwischen diesen militanten Linken und dem westdeutschen Staat, die ihren Höhepunkt im »Deutschen Herbst«Nach Tobias Wunschik bestand der Kern der Gruppe im Herbst 1977 aus genau 20 Mitgliedern; T. Wunschik (2006), »Die Bewegung 2. Juni«, in W. Kraushaar (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg: Hamburger Edition, 531–61, 472. 1977 fand, aber bis in die 1990er weiter anhielt, den Pazifismus und Anti-Militarismus in der deutschen Frauenbewegung gestärkt.

Bis heute sind mit wenigen Ausnahmen feministische Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen in der BRD der Ansicht, dass militante Vorgehensweisen mit feministischen Prinzipien unvereinbar seien. Vor diesem Hintergrund erstaunt es kaum, dass den Aktivitäten der Roten Zora und anderer militanter feministischer Gruppierungen wenig Aufmerksamkeit in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung zu Teil wurde. Wenn sie die Rote Zora überhaupt erwähnen, neigen feministische Historiker*innen dazu, die Annahme zu bekräftigen, dass deren Attacken nicht »feministisch« gewesen seien, selbst wenn die beteiligten Aktivist*innen das anders sehen. Vojin Saša Vukadinović zum Beispiel behauptet, dass die »frauenbewegte Militanz« der Roten Zora nicht mit Feminismus verwechselt werden sollte.S. V. Vukadinović (2013), »Spätreflex. Eine Fallstudie zu den Revolutionären Zellen, der Roten Zora und zur verlängerten Feminismus-Obsession bundesdeutscher Terrorismusfahnder«, in I. Bandhauer-Schöffmann und D. van der Laak (Hrsg.), Der Linksterrorismus der 1970er-Jahre und die Ordnung der Geschlechter, Trier: Wissenschaftlicher Verlag, 140–61, 147ff. Obwohl diese Meinung durchaus legitim ist, finde ich problematisch, dass alternative Ansichten marginalisiert und zum Schweigen gebracht wurden. Bewusst oder unbewusst haben die Historiker*innen des deutschen Feminismus ein Narrativ von »gutem« (gewaltfreien) Feminismus und »schlechter« Militanz geschaffen, die auf einem begrenzten Verständnis beider Begriffe basiert.

Nach dem Oxford Dictionary bedeutet das Adjektiv »militant«, dass man »auf Konfrontation ausgerichtete oder gewalttätige Methoden bei der Durchsetzung eines politischen oder sozialen Ziels befürwortet«. Der Duden bietet eine sehr ähnliche Definition: »Mit bewusst kämpferischem Anstrich für eine Überzeugung eintretend«.Definition Oxford Dictionary. Letzter Zugriff, 21. November 2015, http://www.oxforddictionaries.com/definitin/english/militant; Definition Letzter Zugriff, 21. November 2015, http://www.duden.de/rechtschreibung/militant. Das vom lateinischen Wort miles, Soldat, abgeleitete Adjektiv ist in einer großen Bandbreite politischer Kontexte benutzt worden, einschließlich gewalttätiger Konflikte, sollte aber nicht auf sie beschränkt werden. Charity Scribner führt aus, dass der Begriff eine lange Tradition in der Theologie hat, in der ecclesia militans (militante Kirche) sich auf den Kampf frommer Christen gegen die irdischen Sünden bezieht.C. Scribner (2015), After the Red Army Faction: Gender, Culture, and Militancy, New York: Columbia University Press, 13. Im späten 19. Jahrhundert wurde das deutsche Adjektiv militant hauptsächlich benutzt, um die tapfere und furchtlose Verteidigung eines politischen Standpunktes zu bezeichnen.H. Kämper und E. Link (2013), Wörterbuch zum Demokratiediskurs 1967/68, Berlin: Akademie Verlag, 679–80. Letzter Zugriff, 4. November 2015, http://alltitles.ebrary.com/DOC?id=10861362. Anders als in Frankreich oder Italien, wo der Begriff heutzutage oft als Synonym von »politischer Aktivist*in« verwendet wird, assoziiert man Militanz in Deutschland heutzutage sehr stark mit konfrontativen und gewalttätigen Protestaktionen.

Nach Ansicht von Heidrun Kämper und Elisabeth Link veränderte sich die Bedeutung des Begriffs im deutschsprachigen Kontext ab Mitte des 20. Jahrhunderts, als Militanz zunehmend mit Aggression, körperlicher Gewalt und bewaffnetem Konflikt assoziiert wurde.Ebd., 680. In den 1950ern verboten die Justizbehörden der jungen BRD kommunistische Parteien und andere politische Gruppierungen, die sie als eine militante Bedrohung der deutschen Demokratie betrachteten. Indem er eine kompromisslose Haltung gegenüber »politischen Extremisten« aus dem linken Lager einnahm, versuchte der westdeutsche Staat, sich als »wehrhafte Demokratie« zu statuieren. Karrin Hanshews aufschlussreiche Studie über politische Gewalt und Demokratie in der BRD zeigt, wie »beinahe über Nacht die Verteidigung der Demokratie von einem rein akademischen Diskussionsthema zu einem Grundstein der freiheitlichen Ordnung Westdeutschlands avancierte, abzulesen an der Bezeichnung des Staates als wehrhafte Demokratie in seiner Verfassung.«K. Hanshew (2012), Terror and Democracy in West Germany, New York: Cambridge University Press, 35. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu bemerken, dass Militanz einen prominenten Rang in den schriftlichen Äußerungen linker Gruppen einnahm, die ein auf Konfrontation ausgerichtetes und zumindest in einigen Fällen gewalttätiges Vorgehen mit dem Ziel sozialer Veränderungen in der BRD auf den Weg bringen wollten.

Trotz der negativen Konnotationen des Begriffs waren die Mitglieder der Roten Zora und Frauengruppen in der Autonomen Bewegung nicht die einzigen politischen Aktivist*innen in Westdeutschland, die im Kontext des feministischen Aktivismus den Begriff der Militanz zu übernehmen und neu zu definieren versuchten. Die feministische Aktivistin und Journalistin Alice Schwarzer argumentiert beispielsweise, dass Militanz in Form eines »Hasses« gegen männliche Unterdrücker eine treibende Kraft bei der Bildung der Neuen Frauenbewegung gewesen sei und einen äußerst notwendigen Bruch mit dem politischen Opportunismus und der Passivität darstellte, die die deutsche Geschichte geformt haben: »Das ist es wohl, was den Frauen, wie allen unterdrückten und gedemütigten Gruppen, am meisten ausgetrieben worden ist: der Mut zum Hass. Was wäre eine Befreiungsbewegung ohne Hass? Ohne die Frage: Gehen wir wirklich weit genug? Sind wir wirklich nicht feige? Machen wir uns wirklich nichts vor? Reicht unsere Solidarität auch für die, die nicht, nicht mehr die Nerven haben, dieses ganze himmelschreiende Unrecht immer nur in ›Besonnenheit‹ lösen zu wollen? Mut zur Militanz war noch nie eine deutsche Spezialität. Dennoch ergriff er in dieser Zeit auch deutsche Frauen [d.h. in den Jahren nach 1968].«A. Schwarzer (1981), So fing es an! 10 Jahre Frauenbewegung, Köln: Emma-Frauenverlag, 24. Schwarzer ist eine der bekanntesten und umstrittensten Feministinnen in der BRD. Obwohl die Historikerin Miriam Gebhardt und andere Kritiker*innen durchaus anerkennen, dass Schwarzer eine wichtige Rolle in der Neuen Frauenbewegung gespielt hat, behaupten sie, dass sie die Geschichte der feministischen Kämpfe in Westdeutschland vereinfacht und zum Teil falsch darstellt, um sich selbst in ein gutes Licht zu rücken.M. Gebhardt (2012), Alice im Niemandsland – Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor, München: DVA. Für eine ähnlich kritische Darstellung vgl. B. Mika (1998), Alice Schwarzer. Eine kritische Biographie, Reinbek: Rowohlt. Ungeachtet dessen, was man von Schwarzer hält, ist es sinnvoll, zur Kenntnis zu nehmen, dass sie eine der wenigen feministischen Autor*innen ist, die dem militanten und gewalttätigen feministischen Protest Aufmerksamkeit verschafft haben.

Auf der Grundlage von Archivquellen, autobiographischen Berichten, Stellungnahmen aus Interviews und früheren Studien über den Protest von Feministinnen in der BRD bietet dieses Buch die erste weiterreichende Studie über Erscheinungsformen des militanten Feminismus in Westdeutschland. In Anlehnung an die feministische Theoretikerin bell hooks verstehe ich unter Feminismus einen gemeinsamen »Kampf gegen sexistische Unterdrückung« – eine Definition, die die Unterschiedlichkeit von feministischer Theorie und Praxis betont und es mir erlaubt, eine ganze Bandbreite von Protestformen innerhalb und außerhalb der Neuen Frauenbewegung zu erforschen und zu analysieren.b. hooks (2000), Feminist Theory: From Margin to Center, Cambridge, MA: South End Press, 28. Im Kontext dieser Studie bezieht sich der Begriff feministische Militanz auf historisch und politisch spezifische Ideen und Praktiken, die das Ziel haben, sexistische Unterdrückung zu überwinden, und in der Annahme gründen, dass dieses Ziel nur mithilfe von konfrontativen Taktiken erreicht werden kann. Diese breit gefasste Definition macht es mir möglich, das vielschichtige Zusammenspiel verschiedener Taktiken des Protests in den feministischen Kampagnen zu analysieren, ohne ahistorischen Vorstellungen von Feminismus und Gewaltlosigkeit Vorschub zu leisten.

Im Gegensatz zu der Annahme, dass es immer möglich und sinnvoll ist, eine klare Linie zwischen gewalttätigem und friedlichem oder militantem und nicht-militantem feministischen Aktivismus zu ziehen, gehe ich wie Laura Mayhall von einem dynamischen Kontinuum feministischer Militanz aus. Am einen Ende des Kontinuums feministischer Militanz im Deutschland nach dem 2. Weltkrieg lagen verfassungsgemäße Protestformen, die wenig oder keine Konfrontationen involvierten, wie z.B. Petitionen. Spektakuläre Anschläge gegen staatliche Institutionen und Privateigentum wie Bombenanschläge oder Brandstiftungen dagegen zeichneten sich durch ein besonders groβes Konfrontationspotential aus. Dazwischen befand sich ein Spektrum bunter, kreativer und provokativer Protestaktionen mit unterschiedlichen Graden der Konfrontation. Ob feministische Protestaktionen als konfrontativ und/oder gewalttätig wahrgenommen wurden, wurde nicht allein von den Protestierenden entschieden. Patricia Melzer betont zurecht, dass die Zerstörung von Eigentum und andere militante Formen des Protests im Deutschland nach dem 2. Weltkrieg schnell mit Terrorismus assoziiert wurden und dass sogar explizit friedfertige Formen des Protests in Westdeutschland oft »vom gesellschaftlichen Mainstream als gewalttätig wahrgenommen wurden«.P. Melzer (2015), Death in the Shape of a Young Girl: Women’s Political Violence in the Red Army Faction, New York: New York University Press, 29.

Die Dichotomie friedfertig/gewalttätig, die dem feministischen Aktivismus und dessen Erforschung häufig zugrunde zu liegen scheint, ist durchaus problembehaftet. Zum einen macht es eine binäre Unterscheidung schwer, wenn nicht unmöglich, wichtige Nuancen, Weiterentwicklungen und Widersprüche innerhalb der feministischen Protestbewegungen zu erklären. Zum anderen sind die Kategorien »gewalttätig« und »friedfertig« deutlich ideologisch aufgeladen.

Eine der ersten herausragenden Kampagnen der Neuen Frauenbewegung richtete sich gegen Gewalt gegen Frauen. Melzer hat gezeigt, dass im Kontext dieser Kampagne, Frauen oft kategorisch als Opfer von Gewalt dargestellt wurden, während »Gewalt« als immanent maskulin oder männlich betrachtet wurde. Diese Sicht auf Gewalt war damals in der Neuen Frauenbewegung weit verbreitet.Ebd., 69. Sie ist u.a. deshalb problematisch, weil sie die vielen offenen und versteckten Möglichkeiten außer Acht lässt, aufgrund derer Feministinnen, die gewaltlose Taktiken befürworten, selbst von strukturellen Gewaltverhältnissen profitieren können (z.B. wenn sie zu einer privilegierten Klasse oder ethnischen Gruppe gehören). Zum anderen suggeriert dieses Verständnis von Gewalt, dass Gewaltlosigkeit grundsätzlich die einzig legitime und effektive Form feministischen Protests sei. Aber können wir tatsächlich kategorisch ausschlieβen, dass es Situationen gibt, in denen sich Aktivist*innen im Kampf gegen sexistische Unterdrückung konfrontativer oder gewalttätiger Taktiken bedienen müssen?

Der legendäre Tomatenwurf auf der 23. SDS-Konferenz 1968 in Frankfurt und andere spektakuläre Protestaktionen, die in diesem Buch behandelt werden, zeigen, dass der Einsatz konfrontativer und gewalttätiger Taktiken im Kampf gegen sexistische Unterdrückung in der BRD bisweilen äußerst effektiv war. Jedoch zeigt diese Studie auch, dass ein hohes Maß an konfrontativer Auseinandersetzung nicht unbedingt ein Erfolgsrezept darstellt. So zeigten einige der feministischen Aktionen mit erheblichem Konfrontationspotenzial wenig oder gar keine Auswirkungen. Im Gegensatz dazu scheinen andere militante Aktionen eindeutig zum Erfolg von Kampagnen beigetragen zu haben, auch wenn sie zuweilen auf harsche Kritik von feministischen Aktivist*innen stießen (z.B. weil es an Kommunikation mit Mitstreiter*innen fehlte). Wenn wir feministische Proteste in Deutschland und anderen Teilen der Welt analysieren, stellen sich also eine Reihe von Fragen: Wie groβ war das Konfrontationspotential der Methoden, die die Akteur*innen anwandten? Welche Auswirkungen hatten ihre Aktionen? Wurden sie als gewalttätig betrachtet? Und schließlich: Wie reagierten feministische Aktivist*innen auf sie? Das Bild, das sich aus einer auf diesen Fragen basierenden Analyse ergibt, ist faszinierend, vielschichtig und gelegentlich widersprüchlich.

Graffiti in roter Farbe mit der Aufschrift „Entwaffnet Vergewaltiger“ und diverse aufgesprayte Frauenzeichen auf der Schaufensterscheibe eines Sex-Shops mit der Reklame „Sex Film Show Non Stop“; ein Paar geht händchenhaltend an dem Laden vorbei